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Quo vadis, 2020?

„Neues Jahr, neues Glück“ – ach wirklich? 
Die ersten eineinhalb Monate des neuen Jahres sind gerade vorbei – und fast könnte man das Gefühl bekommen, dass dieses 2020 es überhaupt gar nicht gut mit uns meint. 

Man sollte ja meinen, dass so ein neu beginnendes Jahrzehnt einen glamourösen ersten Auftritt hinlegt, sich im Glitzeroutfit von seiner allerbesten Seite präsentiert… doch 2020 ist da wohl scheinbar irgendwie anders. Enttäuschend. Hatten wir nicht so große Hoffnungen in diesen Neubeginn gesetzt? Aber nein, das neue Jahr kommt abgerockt daher, breitbeinig und mit Löchern in der Jeans, und wahrscheinlich zeigt es uns den Stinkefinger, während es seine Kippe vor uns auf dem Boden austritt. 

Ja, der Auftakt ins neue Jahrzehnt war wirklich eher bescheiden. Wie einer von diesen Filmen, bei denen man alle paar Minuten denkt „Das kann aber doch jetzt nicht… oh Gott, das jetzt auch noch…?“
 
Fassen wir also einmal kurz die wichtigsten Ereignisse der letzten Wochen zusammen.

[Natürlich ist auch noch viel, viel mehr passiert, als das, was nun folgt – wie z.B. die Grüne Woche in Berlin, die Proteste der Umweltverbände bei der „Wir-haben-es-satt-Demo“ sowie die Proteste der Landwirte gegen zu starke Auflagen in Sachen Umweltschutz, die weitere Diskussion um die Einführung eines Tierwohl-Labels u.v.m. – diese alle im Detail mit aufzuführen, würde hier jedoch leider den Rahmen sprengen.]

 

Feuer – DAS Element zum Jahresbeginn

In der Silvesternacht brannte das Affenhaus im Krefelder Zoo ab, etwa 30 Primaten fielen dem Inferno zum Opfer, nur zwei Schimpansen überlebten. 
Auch mir schnürte die bloße Vorstellung davon den Magen zusammen – die Panik darüber, in einem brennenden Zoogehege eingesperrt zu sein, ohne eine Möglichkeit zu fliehen… im Nachhinein erfuhren wir, dass die Tiere vermutlich eh keine Chance gehabt hätten, selbst wenn sie einen Ausweg aus dem Gebäude gefunden hätten: aus Sicherheitsgründen hatte man das Affenhaus während der Löscharbeiten mit bewaffneten Polizeibeamten umstellt
 
Doch wenn wir mal ehrlich sind, dann ist das, was dort passierte, bloß die Spitze eines ziemlich großen Eisbergs. 
Denn zeitgleich loderten bereits seit Juni 2019 in Australien flächendeckende Buschbrände, bei Trockenheit und Temperaturen über 40 Grad. 
Verletzte, durstige und natürlich leider auch eine Menge verbrannter Koalas und Kängurus füllten tagtäglich die Nachrichtenbildschirme.
Etwa eine Milliarde1.000.000.000! – „höhere“ Tiere erlagen (Stand Januar 2020) den Flammen; das unvorstellbare Leid der Affen aus der Silvesternacht wurde hier also wirklich um ein Vielfaches potenziert, für mitfühlende Wesen ein nicht vorstellbarer Schmerz.
Eine Fläche 180.000 km² – das entspricht der Hälfte der Fläche der BRD – wurde bisher in der australischen Feuersaison 2019/20 dem Erdboden gleich gemacht, darunter auch Regenwaldflächen, die normalerweise nicht von den jährlich wiederkehrenden Buschfeuern betroffen sind.
Erst die Ende Januar einsetzenden starken Regenfälle konnten den Großteil der Brände zum Stillstand bringen.
 
Während die australischen Feuerwehrleute alles Menschenmögliche (und noch mehr) gaben, um den Schaden möglichst in Grenzen zu halten, zählte am anderen Ende der Welt ein deutscher Großkonzern mit Eurozeichen in den Augen die Scheine in seiner Geldschatulle – hatte man dort doch gerade erst einen tollen Deal abgeschlossen: Signaltechnik für eine Bahnstrecke, auf der in Australien abgebaute Kohle zur Verfeuerung transportiert werden soll. Denn die Energie daraus soll nicht etwa direkt vor Ort gewonnen werden, sondern in Asien – Indien, Vietam und China.
 
Die CO2-Bilanz von Kohle wird nämlich erst so richtig „gut“, nachdem man diese tausende Kilometer weit um die Welt transportiert hat. 
Auch die äußerst engagierten Proteste deutscher Klimaaktivisten konnten besagten geldzählenden Konzern nicht dazu bewegen, aus den geschlossenen Verträgen auszusteigen: man entschied sich dafür, seine bislang recht reine Weste lieber mit ein bisschen Kohlestaub zu beschmutzen, anstatt ein klares Statement für den Klimaschutz abzugeben. Immerhin verbunden mit einem Versprechen, in Zukunft das Thema Nachhaltigkeit stärker in die Konzernbelange einzubeziehen – zumal man dort bis 2030 klimaneutral werden möchte. 
 
Und während all dieser Ereignisse äußerte die australische Regierung tatsächlich immer noch Zweifel daran, dass es vielleicht einen menschengemachten Zusammenhang geben könnte zwischen Kohleabbau in Australien, Verschiffung nach und Verfeuerung in Asien und den in Australien (und weltweit) steigenden Temperaturen, die wiederum zu mehr Trockenheit, mehr Hitze, erhöhter Waldbrandgefahr und am Ende des Tages zu mehr verbrannten Bäumen, Häusern und Tieren führen. 
 
Von den 900 Millionen Tonnen CO2, die durch die Brände in die Atmosphäre geschleudert wurden, einmal ganz zu schweigen… 

 

Klimarisiken im Fokus des Weltwirtschaftsforums

Ende Januar tagte das Weltwirtschaftsforum in Davos – begleitet von lautstarken Klimaprotesten.
 
Nachdem der „Global Risk Report“ für 2020, der jährlich im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums erstellt wird, auf seinen ersten fünf Plätzen der wahrscheinlichsten Bedrohungen Klimathemen benennt, ist es naheliegend, dass das Forum in diesem Jahr unter das Motto Stakeholder für eine kohäsive und nachhaltige Welt gestellt wurde.
 
Diese Bedrohungen sind keine geringeren als:
      • Extreme Wetterereignisse
      • Versagen im Kampf gegen den Klimawandel
      • Naturkatastrophen
      • Verlust der Biodiversität
      • Menschengemachte Umweltkatastrophen
 Neben anderen KlimaaktivistInnen war auch in diesem Jahr wieder Greta Thunberg eingeladen, die in ihrer Rede erneut zum schnellen Handeln mahnte: „Our house is still on fire!“
Es wurde viel geredet auf dem Weltwirtschaftsforum – ob den Worten nun auch Taten folgen, wird sich zeigen müssen.

 

Kohleausstieg mithilfe eines neuen Kohlekraftwerks

Ebenfalls Ende Januar wurde von der Bundesregierung das von Umweltverbänden stark kritisierte „Kohleausstiegsgesetz“ verabschiedet – und ironischerweise wurde gleichzeitig das umstrittene neue Steinkohle-Kraftwerk Datteln IV in Betrieb genommen, welches bis zum Sommer 2020 in voller Leistung ans Netz gehen soll.
Die Verringerung der CO2-Emissionen durch die Inbetriebnahme des hoch modernen und effizienten Kraftwerks (verbunden mit der Abschaltung ineffizienterer, älterer Krarftwerke) habe Vorrang, ganz abgesehen von den hohen Entschädigungszahlungen, die bei einer Rücknahme der Genehmigung von Datteln IV fällig geworden wären, so die Begründung der Bundesregierung.
 

Laut BUND missachtet das neue Gesetz allerdings in wesentlichen Punkten den vor einem Jahr beschlossenen Kompromiss der Kohlekommission: 

    • geringere Reduktion der Emissionen, dafür höherer CO2-Ausstoß bis 2038
    • keine Verhinderung der Inbetriebnahme von Datteln IV
    • weitere Vernichtung von Dörfern zugunsten des Tagesbaus Garzweiler II
Ein kleiner Wehmutstropfen: zumindest der Erhalt des Hambacher Waldes wird durch das Kohleausstiegsgesetz sichergestellt.

 

Und das Klima so?

Als wolle es noch einmal unterstreichen, dass es wirklich ernst ist, gibt das sich verändernde Klima derweil auch im aktuellen Winter wieder alles: der Januar 2020 ist mit 3,1°C über dem Durchschnitt der wärmste in Europa und mit knappem Abstand zu 2016 sogar auch weltweit.
Und die aktuellen Prognosen für den nahenden Frühling lassen Düsteres ahnen:
Nach dem Rekord-Winter werden nämlich auch für diesen zu hohe Temperaturen und vor allem starke Trockenheit erwartet. Die ohnehin schon durch die letzten beiden Dürre-Sommer stark ausgezehrten Grundwasser-Reserven könnten also auch in diesem Jahr weiter an ihre Grenzen stoßen – mit vermutlich gravierenden Auswirkungen auf Wälder und Landwirtschaft.
 
 

Was nun, was tun?

Angesichts dieser Geschehnisse bleiben eigentlich nur zwei Optionen. 
Option 1:
Klagend mit dem Kopf schütteln, das Gesicht in den Händen vergraben und „ohjemine“ sagen.
 
Option 2:
Die Chancen und Lehren erkennen, die darin liegen, Ärmel hochkrempeln und Veränderung gestalten.
 
Der Brand des Affenhauses hat dazu geführt, dass sowohl die Diskussion um Silvesterfeuerwerk in Privathand (wenngleich das am Ende doch nicht die Ursache war) als auch die grundsätzliche kritische Frage nach der Zootierhaltung wieder lauter geworden sind.
 
Mit den Buschfeuern in Australien steht einmal mehr der (durch den Menschen verursachte) Klimawandel im Fokus – und mit ihm natürlich auch die Frage, wie wir dagegen vorgehen können.
Auch die Verbindung zwischen Klimaschutz und Artenschutz wird am Beispiel Australien besonders deutlich: extreme Ereignisse wie diese Buschbrände führen innerhalb kürzester Zeit zur Vernichtung ganzer Ökosysteme, bereits bedrohte Arten – wie z.B. der Koala – werden in ihrer Population weiter dezimiert. Auch die Flucht einzelner Tiere in andere Gebiete kann wiederum die dort bestehenden stabilen Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringen.
Die internationale Kritik am Festhalten an der Kohle trotz der im Ausmaß wachsenden Flächenbrände wird den Kohleausstieg Australiens hoffentlich schnell weiter voran treiben.
Und auch große Wirtschaftskonzerne müssen langsam lernen, mit einem zunehmend rauher werdenden Wind umzugehen, der ihnen entgegen weht. Wirtschaftliche Entscheidungen müssen in Zukunft nicht mehr nur lukrativ, sondern auch ökologisch vertretbar sein.
Die Bedrohungen durch den Klimawandel sind inzwischen so offensichtlich, dass sogar führende Köpfe aus Wirtschaft und Politik auf einem Wirtschaftsforum über Nachhaltigkeit gesprochen haben – sicherlich ist das schon einmal ein richtungsweisendes Signal.
 
Umso wichtiger ist es jedoch auch, dass „man“ nun in die Umsetzung kommt. Im Großen wie im Kleinen müssen dringend die Weichen gestellt werden – „fünf vor zwölf“ ist nämlich längst vorbei.

Das fängt z.B. damit an, dass jeder Einzelne von uns anfängt, das eigene Leben zu überdenken:
An welchen Stellen läuft es mit der Nachhaltigkeit vielleicht schon ganz gut, in welchen Punkten gibt es vielleicht noch Verbesserungsbedarf?
 
Ich habe die Hoffnung, dass dieser im wahrsten Sinne explosive Auftakt des neuen Jahres bzw. Jahrzehnts für viele Menschen der letzte, dringend nötige Weckruf war. 
Interpretieren wir all diese Blockbuster-reifen Ereignisse also am besten als ein letztes Aufbäumen und vor allem als einen Warnschuss. 
 
Als einen Vorgeschmack auf die Apokalypse, die uns vielleicht erwartet, wenn wir nicht endlich, endlich! die Kurve kriegen und damit anfangen, unseren Planeten Erde mit Respekt zu behandeln…

Also, nehmen wir es in die Hand – JETZT!

QUELLEN - ZUM WEITERLESEN

Buschbrände in Australien 2019/2020 | Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Buschbr%C3%A4nde_in_Australien_2019/2020

„More than one billion animals killed in Australian bushfires“ | University of Sydney [EN]
https://sydney.edu.au/news-opinion/news/2020/01/08/australian-bushfires-more-than-one-billion-animals-impacted.html

„Ten impacts of the Australian bushfires“ | UN environment programme [EN]
https://www.unenvironment.org/news-and-stories/story/ten-impacts-australian-bushfires

„Australia’s Fires Likely Emitted as Much Carbon as All Planes“ | bloomberg.com [EN]
https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-01-21/australia-wildfires-cause-greenhouse-gas-emissions-to-double

Steinkohlebergwerk Carmichael | Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Steinkohlebergwerk_Carmichael

Adani Mining – Marketingbroschüre Carmichael Mine [EN]
https://www.adaniaustralia.com/-/media/Project/Australia/Fact-sheets/ADI0014_MarketingBrochure_Mine_v623.pdf

„Kohle-Auftrag in Australien – Siemens grübelt, Greta appelliert“ | tagesschau.de
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/siemens-kohle-australien-101.html

Stellungnahme Siemens zum Carmichael Projekt [EN]
https://press.siemens.com/global/en/news/joe-kaeser-adani-carmichael-project

„Weltwirtschaftsforum in Davos 2020“ | Übersichtsseite Spiegel.de
https://www.spiegel.de/thema/weltwirtschaftsforum-in-davos-2020/

Global Risk Report 2020 [pdf] | World Economic Forum
https://www.zurich.com/-/media/project/zurich/dotcom/industry-knowledge/global-risks/docs/the-global-risks-report-2020-executive-summary.pdf?la=en/

The World Economic Forum – offizieller Internetauftritt
https://www.weforum.org/

Kohleausstiegsgesetz – Getzesentwurf
https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Downloads/G/gesetzentwurf-kohleausstiegsgesetz.pdf

Fragen und Antworten zum Kohleausstiegsgesetz | Bundesregierung
https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/kohleausstiegsgesetz-1716678

„Kohleausstiegsgesetz: Rückschlag im Kampf gegen die Klimakrise!“ | BUND
https://www.bund.net/themen/kohle/kohle-ausstieg/kohleausstiegsgesetz/

„DIW-Studie: Kohleausstieg muss bis 2030 kommen – zwei Drittel des gesamten deutschen Emissionsbudgets bereits in 20 Jahren aufgebraucht“ |BUND
https://www.bund.net/service/presse/pressemitteilungen/detail/news/diw-studie-kohleausstieg-muss-bis-2030-kommen-zwei-drittel-des-gesamten-deutschen-emissionsbudget/

„Kritik von allen Seiten an Gesetzentwurf zum Kohleausstieg“ | zeit.de
https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-01/kohleausstiegsgesetz-braunkohle-kraftwerke-klimaschutz-wirtschaftsministerium

„Kein Konsens beim Kohleausstieg“ | klimareporter.de
https://www.klimareporter.de/deutschland/kein-konsens-beim-kohleausstieg

„Uniper treibt Inbetriebnahme von Datteln 4 voran“ | sueddeutsche.de
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/energie-datteln-uniper-treibt-inbetriebnahme-von-datteln-4-voran-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200108-99-396190

Zuletzt abgerufen am 14.02.2020

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